Auf die verbotene Insel – ganz legal

Die kleine Insel Langenwerder vor Poel darf seit mehr als hundert Jahren nur von Vogelschützern betreten werden. Doch an manchen Sonntagen im Sommer sind drei handvoll Besucher auf der Insel erlaubt.

 

Den Schlap­phut tief ins Gesicht gezo­gen, das riesiges Sta­tiv geschul­tert wie ein Cow­boy seine Flinte, die bloßen Füße im kni­etiefen Wass­er – der Auftritt eines Vogel­warts kön­nte kaum läs­siger aus­fall­en. Und wir, die am gegenüber liegen­den Strand von Goll­witz auf ihn warten, haben alle Zeit, ihn auszukosten. Denn das Wass­er bremst jeden Schritt. Es dauert, bis der Vogel­wart vor uns ste­ht.

 

Vogelschutzwart Vogelschutzinsel Langenwerder vor Poel Ostsee

Auftritt des Vogelschutzwarts © jes/zweiküsten

 

Ein paar ein­lei­t­ende Worte, dann wat­en auch wir durch das flache Kuh­len­loch auf die 800 Meter lange und 500 Meter bre­ite Insel: im Gänse­marsch, Schuhe und Handys fest an uns gedrückt – der Aus­flug auf die Vogelin­sel ist von Anfang an ein Aben­teuer.

Ein exk­lu­sives sowieso: Seit mehr als hun­dert Jahren darf die Insel näm­lich nur von Vogelschützern betreten wer­den. Doch wenn die Vögel all ihre Eier aus­ge­brütet haben, Ende Juli etwa, dür­fen ein­mal pro Woche drei hand­voll Besuch­er rauf auf die Insel. Nach Anmel­dung, ver­ste­ht sich.

 

Langenwerder Vogelschutzinsel vor Poel Matsch

Wie im Watt – Nord­seefeel­ing an der Ost­see © jes/zweiküsten

 

„Wie im Watt“, sagt jemand, als unsere Füße im Matsch Halt suchen. Nord­seefeel­ing im Ost­seeschlamm. Der Vogel­wart stellt das Archiv auf, schraubt das Fer­n­rohr fest und lässt uns abwech­sel­nd her­antreten und durch­lu­gen. Ein Austern­fis­ch­er, dessen schwarz-weißes Gefieder an eine Elster erin­nert, ist der erste Vogel im Visi­er.

Muschelschlucker und treue Seelen

Der kleine Vogel stochert nach Muscheln im Sand, seinem Lieblingsessen. Kleine Muscheln – 8 bis 12 Mil­lime­ter Durchmess­er – ver­schlingt er ganz. Größere meißelt er mit seinem Schn­abel auf. Austern­fis­ch­er sind treue See­len, Tren­nun­gen kom­men sel­ten vor, doch stirbt der Part­ner, wird nicht lange fack­elt und bin­nen weniger Tage Ersatz klar gemacht.

Vogelbestimmung mit Buch

Guck mal, wer da fliegt – Vogelbes­tim­mung mit Buch © jes/zweiküsten

 

Wenig später gibt es noch einen Alpen­stran­dläufer zu sehen. Brand­seeschwal­ben fliegen auf – der Vogel, der auf der Roten Liste der Brutvögel Deutsch­lands in der Kat­e­gorie 1 als vom Ausster­ben bedro­ht geführt wird, hat hier den wohl einzi­gen Brut­platz an der Küste Meck­len­burg-Vor­pom­merns. Und natür­lich gibt es die Stur­m­möve zu sehen, mit 2000 Paaren brüten hier so viele wie nir­gend­wo son­st im Land.

 

Das Haus des Vogelwarts auf Langenwerder Vogelschutzinsel

Das Haus des Vogel­warts, gebaut in den 1930er-Jahren  © jes/zweiküsten

 

Inzwis­chen haben wir den Elek­troza­un passiert, einen brü­ten­den Mit­tel­säger im Gebüsch ent­deckt, die ver­lasse­nen Eier ein­er Brandgans gese­hen – und sind im Häuschen des Vogel­wärters angekom­men. Dicke Möwen gluck­en vor dem Reet­dach, unbeein­druckt von den Besuch­ern. Der Vogel­wart holt einen Flus­sufer­läufer, den er vorher gefan­gen hat­te, aus einem Kästchen. Vor unseren Augen der Besuch­er wird der kleine Vogel beringt und gemessen.

 

Auf der Vogelschutzinsel Langenwerder

Auf der Vogelschutzin­sel Lan­gen­werder © jes/zweiküsten

 

Birdwatching vom Badetuch

Dann geht es auch schon zurück. Doch der Tag ist zu schön, um nicht noch an den Strand zu gehen. Zwei Möglichkeit­en gibt es: durch das Wass­er zurück­wa­t­en und sich am Strand einen der Strand­körbe sich­ern, mit Blick auf die Insel, oder ein­fach weit­er am Rand des Lan­gen­werder ent­lang laufen und auf der benach­barten Sand­bank das Bade­tuch aus­bre­it­en. Das Wass­er ist hier sehr lange sehr flach – man kann ewig durch kni­etiefes Wass­er wat­en oder sich ein­fach ins Meer hinein­le­gen wie in eine überdi­men­sion­ierte Bade­wanne.

Man kann aber auch vom Bade­tuch ein biss­chen Bird­watch­ing betreiben: Also Fer­n­glas raus und die Insel herange­zoomt. Da, der Vogel mit dem nach oben gebo­ge­nen Schn­abel – ein Säbelschnäbler! Der braun­weiße Vogel mit den orange leuch­t­en­den Beinen – ein Rotschenkel? Und so ver­fliegt die Zeit, als hätte auch sie Flügel…

jes.

Der Strand von Gollwitz ist ein Paradies für alle, die sich ins Meer legen wollen wie in eine Badewanne. © jes/zweikuesten

Der Strand von Goll­witz ist ein Paradies für alle, die sich ins Meer leg­en wollen wie in eine Bade­wanne. © jes/zweikuesten

Führun­gen immer Son­ntags: von Ende Juli bis Okto­ber geht es auf die Insel, anson­sten wird mit dem Vogelkundler von Poel aus herübergeschaut

Ter­mine und weit­ere Infor­ma­tio­nen auf der Inter­net­seite des Vere­ins Lan­gen­werder.

Anreise: mit dem Bus ab Wis­mar nach Goll­witz und von der Bushal­testelle an den Strand laufen; mit dem Auto den Park­platz am Ort­sein­gang Goll­witz benutzen.

 

 

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Buchtipp:

Der Aus­flug auf den Lan­gen­werder ist auch eine der ins­ge­samt 52 kleinen und großen Eska­paden in Meck­len­burg-Vor­pom­mern an der Ost­see: Ab nach draußen! (DuMont Eska­paden), unserem neuen Reise­führer für die Küste. Wenn Ihr das Buch hier bei Ama­zon bestellen wollt, unter­stützt Ihr nicht nur die Autorin, son­dern auch dieses Por­tal mit ein paar Cents, am Kauf­preis ändert sich aber nichts: