Das Meer, der Sand, der Horizont: Wie sehr die Weite und die karge Natur Nordeuropas die Kunst prägte, zeigt der Bildband „Nordische Malerei“.

Wie sehr die Land­schaft die Men­schen prägt, in Län­dern, die an den nordis­chen Meeren liegen, lässt sich etwa in Island sehen. Sie sind hier nicht wie in Deutsch­land oft üblich nach Handw­erks­berufen wie Müller oder Schus­ter benan­nt, sie binden sich – wenn sie nicht patri­lin­ear nach ihren Vätern heißen – auch mit ihren Namen an die Natur. Halldór Lax­ness, 1955 zum bish­er einzi­gen Lit­er­aturnobel­preisträger des Lan­des gekürt, wählte etwa als Nach­na­men den Hof sein­er Eltern, Lax­ness; ein Ort, an dem es, nun ja, viel Lachs gibt. Die Fam­i­lie des Schrift­stellers Hul­dar Breiðfjörð taufte sich nach dem „Bre­it­en Fjord“ im West­en des Lan­des; es klingt wie ein Wind­stoß, „Brre­i­th­fjörth“.

Þórarinn B. Þorláksson, „Fluss Hvítá (Hvítá)“, 1903 ©Lis­tasafni Íslands / Nation­al Gallery of Ice­land

Die Natur ist so fordernd, dass sie die Iden­titäten der Men­schen bes­timmt – und damit auch die Kün­ste. Wie deut­lich sich das durch die Jahrhun­derte zieht, spiegelt der umw­er­fende und umfassende Bild­band „Nordis­che Malerei“, der Kunst­werke aller nordeu­ropäis­chen Län­der rund um Nord- und Ost­see zusam­men­trägt – und von den beein­druck­enden Szenen isländis­ch­er Weite des Malers Þórarinn B. Þorláksson über die berühmte dun­kle Ruhe des Dänen Vil­helm Ham­mer­shøi bis hin zu zeit­genös­sis­chen Kün­stlern wie Ola­fur Elias­son oder der Pho­tographin Julie Edel Hard­en­berg, die eben­falls die Wahrnehmung des Lichts und der Land­schaft ins Zen­trum ihres Schaf­fens stellen – und auf­dröseln, wie das Leben mit dem Wass­er, den Klip­pen, den Dünen und Geröll­halden bee­in­flusst.

Vil­helm Ham­mer­shøi, „Interieur. Künstliches Licht (Inter­iør. Kun­stigt lys)“, 1909 © Nation­al Gallery Den­mark, Copen­hagen / SMK Foto

Der Band schafft es, Eigen­heit­en dieser Tra­di­tio­nen her­vorzuheben genau­so, wie mit über­holten Klis­chees zu brechen, die Texte helfen, die Kun­st dieser Meeres­re­gio­nen genau so zu sehen, wie es der Unter­ti­tel ver­spricht: in mod­ernem Licht.

Auch der Maler Emil Nolde hieß übri­gens anders. Er hörte auf, Hans Emil Hansen zu sein und benan­nte sich um nach seinem Geburt­sort Nolde in Süd­jüt­land. Er iden­ti­fizierte sich mehr mit der Region, die im Zuge schleswig-hol­steinisch-dänis­ch­er Kriege immer wieder auf der anderen Seite der Gren­ze lag. „Unsere Land­schaft ist beschei­den, allem Berauschen­den, Üppi­gen fern, das wis­sen wir“, sagte er ein­mal, „aber sie gibt dem inti­men Beobachter für seine Liebe zu ihr unendlich viel an stiller, inniger Schön­heit, an her­ber Größe und auch an stür­misch wil­dem Leben“. Er fühlte sich nicht zuge­hörig zu einem bes­timmten Staat, son­dern zum „schmalen Lande zwis­chen den bei­den Meeren“. Das sieht man auf jedem sein­er Gemälde.

aha.

DAS BUCH:

Katha­ri­na Alsen, Anni­ka Land­mann: „Nordis­che Malerei. Im Licht der Mod­erne“, Pres­tel 2016, 304 Seit­en, 255 Abbil­dun­gen, 69 Euro.

Nordis­che Malerei von Anni­ka Land­mann